„Jetzt das Portfolio überprüfen?“

„Jetzt das Portfolio überprüfen?“


Die Tagesspiegel ANLEGER Frage an Oliver Borgis, Leiter der Vermögensverwaltung der Weberbank.

Die Tagesspiegel ANLEGER Frage an Oliver Borgis, Leiter der Vermögensverwaltung der Weberbank.

Beitrag in Der Tagesspiegel, erschienen am 05.09.2019    Foto: Weberbank

Angesichts der schwächelnden Konjunktur sollen Großanleger bereits den Anteil ihrer Barreserven aufstocken und einen Teil ihrer Aktien verkaufen. Raten Sie das auch Kleinanlegern?

Eine verlässliche Statistik zu den Mittelbewegungen von Großanlegern gibt es nicht, lediglich Umfragen von begrenztem Umfang und mitunter Einzelinformationenmit bestenfalls anekdotischem Charakter, mitunter sogar zweifelhafter Absicht. Dennoch ist es richtig: Die Sorge vor einem Konjunktureinbruch geht um und verunsichert die Anleger – große wie kleine. Je länger das Hin und Her im Zollstreit zwischen den USA und China sowie im Brexit anhält, desto verunsicherter sind die Märkte. Inzwischen schwächelt die Konjunktur merklich. Bereits seit einem Jahr gibt es größere Schwankungen an den Aktienmärkten. Leider sind die Aktienmärkte kein guter Seismograf für Rezessionen. Sie signalisieren viel zu oft Rezessionsgefahr, ohne dass tatsächlich eine folgt. Die Konjunkturampel steht auf Gelb. Ob sie danach auf Rot oder Grün springt, liegt weitgehend in den Händen unberechenbarer Politiker wie US-Präsident Donald Trump. Ein Aussteiger aus dem Aktienmarkt läuft Gefahr, die berüchtigten „besten Tage“ zu verpassen, dies sind regelmäßig solche der großen Erleichterung wegen nicht eingetretener Befürchtungen.

Sollte es zum Beispiel zu einer unerwarteten Einigung zwischen Trump und dem chinesischen Staatspräsidenten Xi kommen, würde man schnell den steigenden Aktienkursen hinterherlaufen. Zu einem gezielten Abbau von Aktien in der Hoffnung, günstiger wieder einsteigen zu können, rate ich nur dem, der sich in der Lage sieht, die nächsten Twitternachrichten zum Thema zu antizipieren. Alle anderen Anleger sollten ihr Investment im Lichte des ursprünglichen Anlageziels überprüfen. Wer langfristig und strategisch investiert, darf auf weiterhin trendmäßig steigende Unternehmensgewinne bauen und im Markt bleiben. Das Umfeld gibt aber dennoch Anlass, die Portfolioaufstellung im Hinblick auf die Aufteilung von zyklischen zu defensiven Komponenten zu überprüfen.

Unternehmen, deren Geschäftserfolg stark von der Konjunkturentwicklung abhängt, sollten nicht zu viel Gewicht im Portfolio haben. Angesichts der schwindenden Zukunftsaussichten der deutschen Automobilbauer mag man auf diese verzichten und den Deutschlandanteil insgesamt reduzieren wollen. Auch bietet sich Gold wieder als Alternative an. Die Notenbanken machen ihr Gewicht mehr denn je an den Märkten wirksam, sie stemmen sich mit Macht gegen eine Konjunkturflaute, kaufen Gold und lassen Barreserven unverzinst im Regen stehen.

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