Finanzmarkt aktuell

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Der Kommentar der Weberbank von Marthel Edouard, Portfoliomanager Weberbank, vom 07. Februar 2020.

Der Kommentar der Weberbank von Marthel Edouard, Portfoliomanager Weberbank, vom 07. Februar 2020.

Foto: Benjamin Chris / Unsplash

Ein Virus, der die Börsen angesteckt hat, und ein Brexit, der weiter Fragen aufwirft. Die Anleger haben zurzeit wieder einiges zu verarbeiten. Eine Einordnung der aktuellen Situation lesen Sie in dieser Ausgabe von Finanzmarkt aktuell

Der Corona-Virus hält die Börsen weltweit im Bann

Schlechte Erinnerungen werden wach, wenn man in diesen Tagen die internationale Berichterstattung zur Ausbreitung der Lungenkrankheit Corona verfolgt, Erinnerungen an das Jahr 2002, als sich das SARS-Virus in Asien rasend schnell ausbreitete und vor allem den chinesischen Konjunkturmotor ins Stottern brachte. Die Sorge der Anleger vor einer weltweiten Verbreitung der Krankheit und den wirtschaftlichen Folgeschäden war damals groß. Die Reaktion der Investoren an den globalen Aktienmärkten fiel entsprechend deutlich aus. Die Kurse gerieten vor allem in den Schwellenländern stark unter Druck. Rund 18 Jahre nach SARS geht unter den Anlegern erneut die Angst vor einer globalen Epidemie und einer Belastung der Weltkonjunktur um. Schuld daran ist das Corona-Virus, das seit Anfang Januar vor allem in China grassiert. Auf den ersten Blick scheint die heutige Situation mit der von damals vergleichbar: Das öffentliche Leben in China kommt zum Stillstand, Produktionsstopp in großen Teilen der Wirtschaft, Reisebeschränkungen und fallende Aktienkurse weltweit. Und doch gibt es dieses Mal wohl zwei entscheidende Unterschiede: der behördliche Umgang mit der Krankheit und die Bedeutung Chinas für die Weltwirtschaft. 2002 war die Tragweite der Seuche zunächst unterschätzt worden, diesmal wurden die medizinischen Notfallmaßnahmen hingegen schnell eingeleitet und konsequent umgesetzt. Die Aussichten auf eine zügige Eindämmung der Epidemie scheinen also heute besser zu sein als damals. Eine größere Entschlossenheit als früher zeigen die chinesischen Behörden auch an anderer Stelle, indem sie das Finanzsystem stützen, um die wirtschaftlichen Auswirkungen abzufedern. Die Zentralbank stellte den Geschäftsbanken Anfang dieser Woche etwa 156 Milliarden Euro zur Verfügung, um die Funktionalität des chinesischen Bankensystems sicherzustellen. Die chinesische Regierung setzt demnach um, was in der Krise medizinisch erforderlich und wirtschaftlich geboten ist, so dass die Auswirkungen auf die Konjunktur vermutlich zwar noch andauern, aber wohl nicht überdauern werden. Das ist auch wichtig, denn es steht wirtschaftlich mehr auf dem Spiel als damals bei SARS. China hat sich in den vergangenen Jahren von einer aufstrebenden Volkswirtschaft zu einer Wirtschaftsmacht gewandelt. Der Anteil des Landes am Welt- Bruttosozialprodukt ist von 2 Prozent im Jahr 2002 auf nunmehr 18 Prozent gestiegen.

Für die Aktienmärkte zeigt der Blick in die Vergangenheit, dass sich die Kurse nach einer Phase der Unsicherheit schnell erholen können. Der Hang Seng, der Leitindex des damaligen SARS-Epizentrums Hongkong, verlor zwischen November 2002 und April 2003 im zweistelligen Prozentbereich, konnte dann aber die Kursverluste bis zum Jahresende mehr als wettmachen. Gut möglich also, dass wir auch dieses Mal ein ähnliches Verlaufsmuster an den Aktienmärkten beobachten werden. Tatsächlich haben sich einige Börsenbarometer schon wieder erholt. So konnte etwa der Index für amerikanische Standardwerte in den letzten Tagen ein neues Allzeithoch markieren. Die Wertaufholung betrifft aber nicht alle Sektoren. Für Unternehmen aus der Reisebranche und dem Einzelhandel wird das Marktumfeld in den kommenden Wochen sicherlich herausfordernd bleiben. Auch werden solche Unternehmen negativ betroffen sein, die in ihrer Produktion stark von Zulieferern aus China abhängig sind.

Der Brexit ist erfolgt – und was jetzt?

Fast vier Jahre haben die politischen Parteien in Großbritannien darüber gestritten, wie der Brexit ablaufen soll. Zwei Neuwahlen, zwei Premierminister, zahlreiche meist ergebnislose Debatten im britischen Unterhaus und endlose Verhandlungsrunden in Brüssel waren nötig. Nun verließ am 31. Januar 2020 mit Großbritannien zum ersten Mal ein Mitgliedstaat die EU: nach 16 Jahren der kontinuierlichen EU-Osterweiterung nun also die abrupte „West-Verkleinerung“ – ein Paradigmenwechsel. Obwohl mit dem vereinbarten EU-Abkommen ein ungeregelter Austritt Großbritanniens aus der EU zunächst verhindert wurde, sind viele Fragen nach wie vor offen. Die aus wirtschaftlicher Sicht wohl wichtigste ist diese: Wie stellen sich beide Seiten die zukünftigen Handelsbeziehungen vor? Die Zeit drängt. Es bleiben nur zehn Monate Zeit, um eine Antwort in Form eines Handelsabkommens zu formulieren – ein ambitionierter Zeitplan, der mit Blick auf die typische Verhandlungsdauer für Freihandelsverträge wohl eher als unrealistisch bezeichnet werden muss. Es droht demnach am Jahresende ein erneuter „Showdown“ zwischen der EU und Großbritannien über eine Fristverlängerung für Verhandlungen. Einigt man sich nicht, dann kommt doch noch der ungeregelte Brexit, den eigentlich alle verhindern wollen. Es bleibt also kompliziert, und den Aktienmärkten könnten in der zweiten Jahreshälfte unruhigere Zeiten bevorstehen.

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