Finanzmarkt aktuell – der Kommentar der Weberbank

Finanzmarkt aktuell – der Kommentar der Weberbank


In Phasen, in denen die Wirtschaft weltweit schwächelt und die politische Unsicherheit auf der Stimmung an den Finanzmärkten lastet, setzen die Investoren große Hoffnungen auf die Zentralbanken. Ob EZB-Präsident Mario Draghi bereit ist, diese zu erfüllen, und warum die britischen Abgeordneten sich gegen mehr Freizeit wehren, lesen Sie in dieser Ausgabe der Finanzmarkt aktuell.

In Phasen, in denen die Wirtschaft weltweit schwächelt und die politische Unsicherheit auf der Stimmung an den Finanzmärkten lastet, setzen die Investoren große Hoffnungen auf die Zentralbanken. Ob EZB-Präsident Mario Draghi bereit ist, diese zu erfüllen, und warum die britischen Abgeordneten sich gegen mehr Freizeit wehren, lesen Sie in dieser Ausgabe der Finanzmarkt aktuell.

Text: Jan Nießen, Foto: Paula Paulsen/Pixabay

Nach dem Urlaub ist vor dem Urlaub

Nur wenige Tage nach dem ausgiebigen Sommerurlaub schon wieder in die verfrühten Herbstferien starten zu können, ist für viele sicherlich eine angenehme Vorstellung. Vor allem, wenn diese Pause auch noch vom eigenen Vorgesetzten verordnet wird. So – in recht freier Analogie – stellt sich die Situation aktuell in Großbritannien dar. Nachdem die Abgeordneten des Unterhauses ihre Arbeit erst Anfang September wieder aufgenommen hatten, sind sie seit dem frühen Dienstagmorgen schon wieder beurlaubt. Dies sorgte unter den Betroffenen allerdings für wenig Begeisterung, da die Freistellung des Parlaments als politischer Schachzug des englischen Premierministers Boris Johnson gewertet wird, um einen Austritt aus der EU zum 31. Oktober sicherstellen zu können. Diesen Versuch und die damit einhergehende Gefahr eines ungeregelten Austritts konnte das Parlament allerdings mit einem in letzter Minuten eingebrachten Gesetzentwurf unterbinden. Johnson ist nun verpflichtet für den Fall, dass keine Vereinbarung mit der EU erreicht wird, eine Verschiebung des Austrittsdatums zu beantragen. Diese Nachricht bringt in die chaotischen Verhältnisse rund um den sogenannten Brexit zumindest ein kleines bisschen Sicherheit und wurde entsprechend positiv vom Markt aufgenommen. Dies spiegelte sich nicht zuletzt in steigenden Kursen der britischen Währung wider. Es bleibt trotzdem das Gefühl, dass hier vor allem die Hoffnung gehandelt wird, dass sich doch noch eine wie auch immer geartete Lösung für das ganze Dilemma finden lässt. Diese Hoffnung sehen wir zumindest kurzfristig als wenig gerechtfertigt an, da auch die benötigte Zustimmung der EU zu einer neuen Verschiebung des Austrittsdatums alles andere als sicher ist. Dementsprechend sollte sowohl bei Investitionen in die britische Währung, welche die wechselhafte Stimmung am Markt besonders lebhaft abbildet, als auch bei Aktien aus dem Vereinigten Königreich bis zu einer Klärung der Austrittsfrage mit größter Vorsicht vorgegangen werden.

Ein Blick auf die Details ist lohnenswert

Neben dem Brexit ist eine weitere Sorge, die die Akteure an den Finanzmärkten derzeit bewegt, die weltweite Eintrübung der Konjunkturaussichten. Sowohl in Europa und den USA als auch in den Schwellenländern fielen die Indikatoren, welche herangezogen werden, um die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung vorherzusagen, zuletzt schwächer aus als erwartet und rutschten teilweise schon in den Bereich, der eine Rezession anzeigt. Die Gründe hierfür sind vielfältig, aber sicherlich lässt sich die anhaltende Unsicherheit, die durch den Handelskonflikt zwischen den USA und China verursacht wurde, als ein wichtiger Auslöser ausmachen. Wagt man allerdings einen differenzierteren Blick auf die Zahlen, stellt sich das ganze Bild weniger besorgniserregend dar. Während die Schwäche vor allem aus der Industrie kommt, zeigt sich der Dienstleistungssektor robust. Dies hat in den letzten Wochen dazu geführt, dass sich die Schere der Erwartungshaltungen zwischen den beiden Bereichen immer weiter geöffnet hat. Darf man sich auf die historische Entwicklung verlassen, wird sich diese irgendwann wieder in die eine oder andere Richtung schließen. Ob dabei die Industrie den Dienstleistungssektor mit nach unten zieht oder eine sicherlich wünschenswertere Aufholbewegung nach oben stattfindet, bleibt die spannende Frage. Sicher ist nur, dass ein wenig mehr Planungssicherheit von Seiten der Politik den Unternehmen gut tun würde und helfen könnte, das Gesamtbild aufzuhellen.

EZB-Zinsentscheid: Hohe Erwartungen, große Enttäuschung?

Wenn das Wirtschaftswachstum an Dynamik verliert und Politiker ihren Teil dazu beitragen, für Unruhe zu sorgen, sehnen sich Investoren nach einem Fels in der Brandung. Diese Rolle wurde in den vergangenen Jahren häufig den Zentralbanken zugewiesen, und diese waren genauso oft bereit, sie auch zu erfüllen. Genau dies ist aktuell schon in den Schwellenländern erkennbar. Nahezu alle Zentralbanken lockern ihre Geldpolitik, um die Wirtschaft zu stimulieren. Dementsprechend hoch waren auch die Erwartungen an den Präsidenten der Europäischen Zentralbank Mario Draghi, tief in die Trickkiste zu greifen, um der Wirtschaft neuen Schwung zu verleihen. Und tatsächlich hatte dieser am frühen Donnerstagnachmittag den Investoren einiges anzubieten. Einerseits wird der Einlagensatz erneut gesenkt und liegt nun bei einer Rate von -0,5%. Andererseits gab er bekannt, das eigentlich bereits beendete Anleihekaufprogramm wieder aufleben zu lassen. Hierdurch wird dem Markt weitere Liquidität zur Verfügung gestellt und, so die Hoffnung, der Inflation neuer Schwung verliehen. Dementsprechend positiv war die erste Reaktion. Die Aktienkurse stiegen, und die Anleiherenditen fielen direkt im Anschluss an die Veröffentlichungen. Entscheidender als die heute verkündeten Maßnahmen selbst ist allerdings das Zeitfenster, welches der EZB-Präsident für das Kaufprogramm in Aussicht stellte: Mit der Ankündigung, dass die EZB über einen längeren Zeitraum am Markt aktiv bleibt , wird die Suche nach Zinserträgen für Investoren weiter erschwert und somit die Notwendigkeit größer, ein höheres Risiko einzugehen. Ob die Maßnahmen insgesamt reichen, um einen nachhaltig positiven Effekt auf die Wirtschaft zu haben und somit die Marktbewegung zu rechtfertigen, dürfte sich erst in den nächsten Monaten zeigen.

 

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