Finanzmarkt aktuell – der Kommentar der Weberbank

Finanzmarkt aktuell – der Kommentar der Weberbank


Nun also doch. Erst schafft es Boris Johnson, sich mit der EU auf ein neues Übergangsabkommen zu einigen und nun auch noch seinen lang gehegten Wunsch nach Neuwahlen zu realisieren. Ganz nebenbei gibt es auch noch einen Wechsel an der Spitze der EZB und Entspannungssignale in der Zollproblematik. Welche Auswirkungen wir auf die Kapitalmärkte daraus sehen, können Sie in dieser Ausgabe der Finanzmarkt aktuell erfahren.

Nun also doch. Erst schafft es Boris Johnson, sich mit der EU auf ein neues Übergangsabkommen zu einigen und nun auch noch seinen lang gehegten Wunsch nach Neuwahlen zu realisieren. Ganz nebenbei gibt es auch noch einen Wechsel an der Spitze der EZB und Entspannungssignale in der Zollproblematik. Welche Auswirkungen wir auf die Kapitalmärkte daraus sehen, können Sie in dieser Ausgabe der Finanzmarkt aktuell erfahren.

Text: Jan Gengel, Foto: William Warby / Unsplash

Brexit – Und Johnson schafft es doch!

Die älteste Demokratie der Welt hat es mal wieder gezeigt, sie dient aktuell nicht als Vorbild für demokratische Prozesse. Nachdem der britische Premierminister es nicht schaffte, eine Zwei-Drittel-Mehrheit für Neuwahlen im Parlament zu erreichen, legte er kurzerhand ein Gesetz zur Änderung des Wahltermins auf den 12. Dezember 2019 vor. Für dieses war „nur“ eine einfache Mehrheit im Parlament notwendig, die am Dienstagabend auch erreicht wurde. Boris Johnson hat nach derzeitigen Umfragen gute Chancen, gestärkt aus den Wahlen herauszugehen und damit sein Übergangsabkommen zum Verlassen der Europäischen Union (EU) umzusetzen. Mit der Verlängerung der Verhandlungsphase bis zum 31. Januar 2020 hatte die EU den Briten die dafür notwendige Zeit gegeben. Das Schreckgespenst „Hard Brexit“ hat sich aus unserer Sicht damit nicht verflüchtigt, jedoch deutlich an Schreckenskraft verloren. Sollte Johnson die Wahlen wirklich für sich entscheiden, stehen die Chancen gut, dass Großbritannien die EU spätestens am 31. Januar in einem geordneten Prozess verlassen wird. Vorsicht bleibt dennoch geboten, da uns die vergangenen Monate gezeigt haben, dass der Brexit-Prozess immer wieder aufs Neue eine überraschende Wendung nehmen kann.

Arrivederci, Mario – Bonjour, Christine.

Mario Draghi hat in dieser Woche den Staffelstab als Präsident der Europäischen Zentralbank an Christine Lagarde übergeben, die dieses für Europa sehr wichtige Amt offiziell am 1. November antritt. Nach acht bewegenden Jahren schwang durchaus auch ein wenig Wehmut auf seiner letzten Pressekonferenz mit. Sein Apell „Whatever it takes“ am 26. Juni 2012 wird nicht nur jedem Kapitalmarktteilnehmer in Erinnerung bleiben. Die Staatsschuldenkrise hat sich seitdem zwar entspannt, jedoch ist der Preis für jeden zinssuchenden Anleger heute spürbarer denn je. Positive Renditen sind in Europa selten geworden und meist mit erhöhten Risiken verbunden. Unsere neue Präsidentin tritt ein schweres Erbe an. Gleichzeitig ist ihr erster Tag im Amt auch der Starttermin für die erneuten Käufe von Anleihen durch die Zentralbank. Im Vorfeld hat der Rentenmarkt ein wenig durchgeatmet, und die Renditen für erstklassige Anleihen sind leicht gestiegen. Eine Wende ist dies aus unserer Sicht jedoch nicht. Vor allem da das neue Kaufprogramm auf unbestimmte Zeit angesetzt ist und einer Normalisierung entgegenwirken wird. Darüber hinaus werden die Spekulationen über eine Ausweitung der Maßnahmen im derzeitigen schwierigen wirtschaftlichen Umfeld anhalten. Frau Lagarde hat sich den außergewöhnlichen monetären Unterstützungen eher zugeneigt gezeigt, so dass von ihr zwar eine größere Nähe zur Politik, jedoch kein geldpolitischer Richtungswechsel zu erwarten ist.

Bitte einmal tief durchatmen, aber nicht entspannt zurücklehnen.

So lassen sich die jüngsten Konjunkturindikatoren recht gut zusammenfassen. Allen voran für die unter den globalen Handelssorgen besonders leidenden Industrienationen haben sich die der Wirtschaft vorlaufenden Signale nicht noch weiter verschlechtert. Als prominentes Beispiel dient der ifo Index für Deutschland, bei dem sich die Erwartungen zum zweiten Mal in Folge auf niedrigem Niveau stabilisiert haben. Aus unserer Sicht ist dies zwar beruhigend, jedoch ist es für größere Zuversicht noch zu früh. So leidet unsere Industrie nach wie vor unter der globalen Abschwächung, wie die jüngsten Auftragseingänge gezeigt haben. Einzelne Marktteilnehmer sprechen gar schon von einem synchronisierten Abschwung. Auch wenn wir die Perspektiven nicht ganz so negativ einschätzen, teilen wir die Sorgen, die uns der abnehmende internationale Handel auferlegt. Mit dem 17. November steht uns ein wichtiges Datum ins Haus, denn an diesem Tag endet die Schonfrist für Einfuhrzölle auf Automobile aus Europa in die USA. Der amerikanische Präsident hat zwar grundsätzlich versöhnlichere Töne angeschlagen und sogar eine erste Einigung mit China zeitnah in Aussicht gestellt, jedoch bleibt seine Unberechenbarkeit bestehen. Sollte es tatsächlich nicht zu weiteren Hemmnissen durch neue oder höhere Zölle kommen, dürfte dies die wirtschaftlichen Perspektiven deutlich aufhellen. Aber es gilt eben auch das Gegenteil bei einer erneuten Eskalation. Dass sich in diesem Umfeld die Unternehmen in der laufenden Berichtssaison mit ihren Ausblicken zurückhaltend zeigen, dürfte niemanden verwundern. Die bisher gemeldeten Daten würden wir eher als durchwachsen, aber nicht wirklich schlecht einschätzen. Und die Aktienmärkte scheinen eine ähnliche Interpretation zu haben. So zeigten sich aller Widrigkeiten zum trotz Kurssteigerungen an zahlreichen Börsen. Sicherlich wirken hier bereits die erwarteten Liquiditätsströme der Notenbanken. Für einen nachhaltigen, fortgesetzten Aufschwung ist aus unserer Sicht jedoch auch eine Verbesserung der Fundamentaldaten erforderlich, so dass ein gesundes Maß an Vorsicht bei der Aufstellung unserer Portfolios angebracht bleibt.

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