Ist die Kritik an hohen Leistungsbilanzüberschüssen berechtigt?

Ist die Kritik an hohen Leistungsbilanzüberschüssen berechtigt?


Bereichert sich Deutschland auf Kosten anderer Staaten?

Text: Jan Gengel, Foto: Franziska Sinn

Bereichert sich Deutschland auf Kosten anderer Staaten? Eine Frage, die im Zuge der aktuellen Globalisierungskritik in aller Munde ist und gern populistisch genutzt wird. Besonders aus den USA dringen immer vorwurfsvollere Stimmen zu uns. Häufig wird dabei auf die Bewertung des Euro abgezielt und Deutschland als Währungsmanipulator dargestellt. Aber auch renommierte Institutionen wie der Internationale Währungsfonds oder wichtige Handelspartner prangern den Exportüberschuss der Bundesrepublik an und versuchen, unsere Politik zu einem Eingreifen zu drängen.

Hauptverantwortlich für den hohen Leistungsbilanzüberschuss sind vor allem Güter und weniger Dienstleistungen, die wir ins Ausland verkaufen – also beispielsweise Maschinen oder Automobile. Gemäß den Daten der Deutschen Bundesbank wurden im Jahr 2016 Waren im Wert von 1195 Milliarden Euro exportiert. Gleichzeitig wurden aber auch Güter in einem Umfang von 923 Milliarden Euro eingeführt. Als Differenz aus beiden ergibt sich ein Plus von 272 Milliarden Euro. Kein anderes Land hat im vergangenen Jahr einen größeren Überschuss erzielt. Ein so großer Erfolg erregt natürlich die Gemüter in anderen Ländern.

Kritisch beäugt wird aber immer nur der reine Saldo. Dass Deutschland weltweit auch der drittgrößte Nachfrager nach Gütern und Rohstoffen ist, wird schnell vergessen. Genauso, dass der hohe Überschuss auch durch geringere Kosten beispielsweise für Ölimporte erreicht wurde. Bei aller Kritik aus den USA sollte meiner Ansicht nach nicht übersehen werden, dass die gesunkenen Rohstoffkosten nicht durch Manipulationen Deutschlands zustande kamen, jedoch die hohen Fracking-Aktivitäten in den USA einen erheblichen Einfluss auf den Ölpreis haben. Auch wird die ausländische Nachfrage nach Gütern nicht durch staatliche Eingriffe aus Berlin heraus gesteuert oder gar erzwungen. Hierüber entscheiden die hohe Qualität, Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit der hergestellten Produkte, so wie es in einer freien Marktwirtschaft sein sollte.

Unternehmen zu verordnen, weniger zu produzieren oder schlechtere Güter zu erzeugen, verbietet sich von selbst. Ebenso wenig wird das Wechselkursverhältnis des Euro gegenüber anderen Valuten manipuliert. Natürlich unterstützt eine schwächere Währung unsere Ausfuhren, jedoch sollten sich Vorwürfe eher gegen die EZB mit ihrer expansiven Geldpolitik richten. Aber auch hier sei angemerkt, dass diese unabhängig entscheidet und die Maßnahmen nicht auf den deutschen Export abzielen, sondern strukturellen Problemen in anderen Ländern entgegenwirken sollen. Es verbleibt noch die Kritik an zu geringem inländischem Konsum. So wird angeführt, dass eine Erhöhung der privaten und staatlichen Ausgaben und somit eine höhere Nachfrage nach ausländischen Gütern den Leistungsbilanzsaldo senken und das Wachstum der Handelspartner stärken sollte.

Eine durchaus berechtigte Sichtweise, vor allem mit Blick auf die sich seit Jahren vergrößernde Investitionslücke. Aus meiner Sicht sollten zumindest die öffentlichen Ausgaben überprüft werden. Die geplanten Investitionssteigerungen von fünf Prozent pro Jahr bis 2020 sind sicherlich der richtige Ansatz, aber nicht ausreichend. Schwieriger dürfte es auf privater Ebene werden. Die Überschüsse werden derzeit überwiegend gespart. Ein typisches Verhalten einer alternden Gesellschaft, welche durch heutiges Sparen ihre Konsumkraft auch morgen erhalten möchte. Gemäß Aussagen des Internationalen Währungsfonds dürften rund zwei bis drei Prozentpunkte des Leistungsbilanzsaldos demografisch bedingt sein. Damit ist dieser aber auch nicht schnell änderbar. Die Kritik an unseren Überschüssen wird somit nicht verstummen, auch wenn sie aus meiner Sicht nur teilweise berechtigt ist. Wichtiger wären die Fragen, wie das hohe Sparaufkommen produktiv genutzt werden kann, und vor allem: Wie profitiert der Anleger davon?

Jan Gengel ist Direktor der Weberbank und seit 2006 als Portfoliomanager im Bereich Vermögensverwaltung verantwortlich für das Rentenmanagement und die Kapitalmarktanalyse des Hauses. Als gelernter Bankkaufmann werden seine beruflichen Erfahrungen durch die akademischen Abschlüsse als Diplom-Volkswirt der Humboldt-Universität zu Berlin, Certified European Financial Analyst (CEFA) und Certified International Investment Analyst (CIIA®) abgerundet.