Sieh, das Gute liegt so nah

Sieh, das Gute liegt so nah


In weniger als einer Stunde aus der Hauptstadt in die Weite – Uckermark und Barnim sind nicht nur beliebte Ausflugsziele für viele Berliner. Auch sesshaft werden möchte hier so mancher.

In weniger als einer Stunde aus der Hauptstadt in die Weite – Uckermark und Barnim sind nicht nur beliebte Ausflugsziele für viele Berliner. Auch sesshaft werden möchte hier so mancher.

Text: Anne Rudelt, Foto: Bernd Borchardt/Hohenzollern Architekten

Alles wird langsamer, das Innen und das Außen. Nach einer knappen Stunde Fahrtzeit von Berlin ist Gut Fergitz erreicht. Am Oberuckersee gelegen, 77 Einwohner, die Dorfkirche bald 700 Jahre alt – und viel Platz. Ebendieser tat es auch Familie von Hohenzollern sofort an, als sie 2001 das völlig verfallene Gut Fergitz entdeckte. „Die Uckermark mit ihrer Weite, in der Landleben nicht nur der Blick von Hügel zu Hügel, von Kirchturm zu Kirchturm ist“, so der Architekt Ferdinand von Hohenzollern, „hat die Idee entstehen lassen, hier die Wochenenden zu verbringen.“ Auch seine Frau Ilona Kálnoky hatte die Gegend zuvor für sich entdeckt. Die Lage im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin erfordert einen aufmerksamen Umgang mit Natur und Umwelt. „Unser Anliegen war und ist es, moderne Formen mit hiesigen Materialien und Nachhaltigkeit zu verbinden“, so die Bauherren. Sie verwenden vorhandene Ziegel und Steine, um die inzwischen fünf Ferienwohnungen und ihre Privatgebäude fertigzustellen. Breite Fensterfronten unter weißen steinernen Rahmen öffnen die quer liegenden Quader zum See, der rote Klinker der Fassaden baut die Brücke zur in Sichtweite befindlichen Kirche, die hölzerne seeseitige Fassade gibt der klaren Form Wärme, ohne sie aufzuweichen. „Die Pause für den Kopf, das Gefühl von ‚jetzt bin ich weg‘“, wie Kálnoky das Befinden auf Gut Fergitz beschreibt, erlebt die Familie inzwischen auch im Alltag. Das 2007 mitbegründete UM Festival bringt Kreative zusammen, der geplante Ausbau des letzten Gebäudes zur „WerkstattKüche“ wird ein neuer Anlaufpunkt. Die Bauherren bleiben sich auch hier treu: Innen und außen gehören zusammen. Die alte Scheune wird entkernt, Feldsteine werden wiederverwendet – später werden Konzepte umgesetzt, in denen die Region sich wiederfindet.

Ihren Lebensmittelpunkt in Berlin wollten Reinhard Binder und Familie nicht aufgeben, als sie 2002 ein Grundstück in Althüttendorf direkt am Ufer des Grimnitzsees entdeckten. Die Familie wollte einen unkomplizierten Platz für Abstand zum Alltag, und so entstand ihr „Haus M.“. Es entspricht in Giebelausrichtung und Größe allen Vorgaben und ist doch völlig anders als seine Nachbarn: geschlossene Holzfassaden, der eingesetzte Korpus wirkt völlig offen – mit riesiger Glasfront zum See. „Die anderen Häuser interessieren sich für den See nicht“, so der Bauherr. Diese Öffnung zur umgebenden Natur ist gewollt und macht das Haus aus, auch wenn die Bauherren keineswegs das ursprüngliche Leben suchten. Das Haus ist ganzjährig und komfortabel nutzbar. „Reinkommen, und los geht’s“, so der Anspruch. Die Nachbarn begegneten diesem preisgekrönten Bau zwiespältig. „Nachvollziehbar“, wie Reinhard Binder heute findet, „es gibt dort sonst nichts in der Art.“ Mit Abstand betrachtet er das Haus wieder neu.

Einen frischen Blick machte sich auch Andreas Gerecke zur Aufgabe, als er direkt am Großen Vätersee auf den alten Gasthof Zur Eiche stieß. Schnell war ihm klar, dass er hier wieder den Zustand von vor 1930 freilegen wollte. Die 100-jährige Eiche im seeseitig gelegenen Garten sowie der direkte Wasserzugang taten ihr Übriges zur Begeisterung. „Gemeinsam mit Alexander Probst von unique assemblage und Sebastian Herkner entstand so mein ‚secret retreat‘“, wie Gerecke das Haus augenzwinkernd nennt. Der ehemalige Gastraum wurde zum Schlafzimmer, die Bühne zur Ankleide. So wie das Haus ihm Auszeit und Abstand sein soll, so ist es gestaltet: klar, völlig kitschfrei verwendete Naturmaterialien, dennoch warm und mit frischem Bezug zu seiner Umgebung. Der präparierte Adler, so gar nicht als wirtshaustypische Jagdtrophäe inszeniert, ebenso wie der deckenhohe Kachelofen in leichtem Rosa schaffen die von Gerecke angestrebte „neue Form des Landhauses“. Mit seiner respektvollen, aber leichtfüßigen Wahrnehmung des Bestehenden ist es Gerecke gelungen, anfängliche Skeptiker im kleinen Ort wohlgesinnt zu stimmen. „In Berlin bin ich einer von drei Millionen / In Brandenburg kann ich bald alleine wohnen“ – die Prognose des Kabarettisten Rainald Grebe bewahrheitet sich nicht. Doch das Gefühl von Weite bleibt.

  • Gut Fergitz, Foto: Bernd Borchardt/Hohenzollern Architekten

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